Mittwoch, 25. November 2015

Alfred Goubran: Durch die Zeit in meinem Zimmer

Zeit und Raum sind biegsam

Alfred Goubran eröffnet Parallelwelten
Elias lebt ein verpflichtungsloses Dasein auf niedrigem Niveau, sein Zimmer gehört dem Vater, das Geld bringen Gelegenheitsjobs, die nicht an die Substanz gehen. So kann er sich Zukunftsplänen verweigern.
Die Handlung spielt zu einer Zeit, als in Zügen noch geraucht werden darf. Trotz reduzierten Lebens und nikotingelber Zähne bekommt Elias regelmäßigen Damenbesuch. Gleich zu Beginn nimmt der Ich-Erzähler durch einen tendenziell moralisierenden Einschub das Tempo heraus (ungelebtes, uneigentliches Leben, verkniffene Träume, Spießbürger und ihre Geschäfte, you name it). Wer dieses Ich ist, das Elias an die Ränder der Stadt folgt und Einblick in seine Kindheit hat, bleibt ungeklärt, es taucht auch später nicht mehr auf. Tempus und Perspektive werden immer wieder wechseln.
Dann kommt die Handlung in Gang: Elias soll für einen Freund beträchtliche Mengen Gras zwischenlagern. Das ist der Ausgangspunkt, von dem aus sich zwei Erzählungen entspinnen, die in parallele Welten führen. Als der Freund die Marihuanasäcke nicht wieder abholt, verkauft Elias sie selbst und macht sich mit dem Erlös davon – er will zum ersten Mal das Meer sehen. Von hier an werden Passagen eingeblendet, in denen Elias(?) mit einer Erkrankung zu kämpfen hat. Die Grenzen zwischen Fiebertraum, Halluzination und Erinnerungen verschwimmen, das Zeitgefühl ist perdu.
Die Zugreise zum Meer endet in einem Skigebiet, die Busfahrt über den Pass mit einem Felssturz, der heimliche Fußmarsch über die Grenze in der Irre. Goubran nimmt sich hier die alte Stadt-Land-Dialektik noch einmal vor: von der urbanen Eremitage in die Bergödnis – einsam bist du sowieso. Auch diese Erzählung hat etwas Unwirkliches, Traumwandlerisches, etwa die Sicherheit, mit der Elias gerade vor Einbruch der Winternacht auf eine rettende Heuhütte stößt, wie er am nächsten Tag von einer Alten und einem buckligen(!) Jungen gefunden wird. Die beiden wirken seltsam aus der Zeit gefallen, so wie alle Bewohner der Holzhütten, in die sie ihn mitnehmen. Elias bekommt die Kleidung vom Sohn, der im Krieg geblieben sein soll. Am nächsten Tag will er eigentlich über die Grenze, folgt aber spontan den Schneestapfen der Alten, die ihn zum "Schwarzen Schloss" führen. Hier könnte man an Kafka denken, vielleicht sogar an einen seltsamen "Nachsommer", aber das führt nicht weit.
Spätestens im Schloss, mitten im Niemandsland, wird's endgültig mysteriös. Isabel tritt auf, Schlossbesitzerin, Privatgelehrte und Hirnforscherin. Sie klärt Elias auf, dass die Bewohner des Dorfes unter "Verrindung", an "mimetischer Progerie" litten und in Wahrheit noch gar nicht so alt seien. Wieder verliert, wer eine zeitliche Einschätzung vorgenommen hat, den Boden unter den Füßen.
Goubran, unlängst 50 geworden, ist bekannt als Übersetzer, Literaturkritiker, Essayist, Songwriter (demnächst erscheint das Album "Die Glut", das er mit der halben Mannschaft von "Naked Lunch" eingespielt hat). Seit dem Ende seines Verlags "edition selene" arbeitet er wieder verstärkt selbst als Literat.
Während er in Essays und Interviews dezidiert politisch Stellung bezieht ("Das Land ist schön, die Gegend ist schrecklich"), geht es ihm literarisch um das Schaffen und Wahren von Geheimnissen. Das ist ihm programmatisch, nur im Opaken bestehe die Möglichkeit für Neues. Dementsprechend ermöglicht "Durch die Zeit in meinem Zimmer" die Wahl. Hat Elias das Zimmer überhaupt verlassen? Oder kommt er aus dem Schwarzen Schloss nicht mehr heraus?
In die sprachlich dichten Erzählungen mischen sich immer wieder visuell ins Detail gehende Beschreibungen. Dazu kommen phänomenologische Reflexionen über Wahrnehmung und Erinnerung. Dinge erinnern sich von selbst. Die Offenheit der Perspektiven ist der Aufmerksamkeit beim Lesen aber förderlich. Man bleibt bei der Sache, um den Anschluss nicht zu verlieren.
Goubran will viel, schafft viel, löst nicht alles ein. Möglicherweise tut ihm Thomas Weber keinen Gefallen, wenn er ihn auf der Rückseite als den "vielleicht größten Autor, den Österreich derzeit zu bieten hat" tituliert. Vehement widersprechen wird man nach "Durch die Zeit in mein Zimmer" aber auch nicht. Nicolas Mahler gestaltet Goubran nicht von ungefähr regelmäßig das Cover.


Alfred Goubran: Durch die Zeit in meinem Zimmer. Braumüller, 196 S., € 19,90

Donnerstag, 19. November 2015

Madness, Geborgenheit und Freitod. Bov Bjerg: Auerhaus

Irgendwo im Umland von Stuttgart, irgendwann in den 1980ern: Goethe habe Werther doch nur in den Selbstmord geschrieben, „damit das Ende gut knallt“, verkündet Gymnasiast und Erzähler Höppner im Deutschunterricht. Ohne zu wissen, dass unmittelbar zuvor sein Freund Frieder einen Suizidversuch unternommen hat.
In die elterliche Obhut soll er nach seiner Therapie nicht mehr, also zieht er in das alte Bauernhaus seiner toten Großeltern. Das die argwöhnischen, im Englischen nicht sattelfesten Nachbarn „Auerhaus“ nennen, weil dort den ganzen Tag „Our House“ läuft. Innerhalb kurzer Zeit wächst die WG um die promiske Vera, die verwöhnte Cäcilia, die Brandstifterin Pauline und – nach einem unglücklichen Outing in der Familie – den schwulen Lehrling Harry an. So wie ein Weltfußballer auf engstem Raum zaubert, gelingt es den WG-Bewohnern, in der biederen Umgebung Anarchie mit Geborgenheit zu verbinden. Zumindest für eine Weile. „Wir lebten ein richtiges Leben mit Aufstehen und Frühstückmachen und Federballspielen, mit Essenbesorgen und zusammen kochen.“ Trotz seiner Instabilität ist Frieder das Zentrum der „randständigen Jugendlichen“, wie sie ein Anwalt später nennen wird. Denn ja, es gibt großen Ärger, und das nicht wegen des wissenschaftlich optimierten Ladendiebstahls, durch den sich die WG ernährt.
Glänzende Träume und hässliche Arbeit in der Hühnerfabrik, Angst vor der Bundeswehr, gefällte Christbäume und dazu sinnloser Lehrstoff. „Alles dabei, was wir später brauchen würden: Blutkreislauf, Rechtsstaat, Bruttosozialprodukt.“ Lakonisch und gefühlsgenau erzählt Bjerg von seinen Themen, in einer Sprache, die sich Jugendlichen nie anbiedert. Wie jeder gute Kabarettist hat er ein feines Gespür für die Brücke zwischen Tragik und Komik. Seine 17-Jährigen stattet er mit einer gelassenen Melancholie aus, die den eingangs erwähnten Werther beschämt hätte. „Es war echt erstaunlich, wie kindisch die Erwachsenen zu Goethes Zeiten waren.“
Den Vergleich mit Herrndorfs „Tschick“ soll man nicht allzu stark bemühen, aber gemein ist den beiden Büchern, dass sie man sie Jugendlichen und Seniorinnen gleichermaßen empfehlen möchte, und zwar wärmstens.

Bov Bjerg: Auerhaus. Roman. Blumenbar, 240 S., 18,50 Euro

Montag, 16. November 2015

Marianne Jungmaier: Das Tortenprotokoll

Die Studentin Friederike kehrt nach dem Tod ihrer Großmutter von Berlin in die dörfliche und familiäre Enge zurück. Die beiden eint nicht nur der Name, sondern ein postum entdecktes Geheimnis: Liebesbriefe, die im Rezeptbuch ("Tortenprotokoll") versteckt waren. Jungmaier erzählt in ihrem Debütroman vom rastlos-sinnlosen Arbeiten, dem Wandel des Agrarsektors, dem nie ganz verflogenen Zauber einer Jugendliebe und dem ersten, nicht selbst gewählten Verlust. Die Großmutter hatte trotz ihrer Härte das Liebesdefizit der Eltern halbwegs ausgeglichen. "In dieser Familie liebt man sich mit Süßspeisen." Ihr Tod der symbolisiert nicht nur den Abschied von der Kindheit, sondern viel mehr. Die ratlose Generation Y reagiert auf das rasante Verschwinden analoger Heimeligkeit in digitalen Zeiten mit Nostalgie. Die Nachkriegsgeneration hingegen kippt mit unsentimentaler Härte die Habseligkeiten der toten Eltern auf den Sperrmüll. Gut auf den Punkt gebracht etwa beim Blick auf deren Kalender: "Begräbnis. Darunter: gelber Sack."
Schwachpunkt mag sein, dass das Landleben im Kontrast zur städtischen Freiheit nun schon oft genug als dumpf und beschränkt gezeigt worden ist. Es wäre wohl spannender gewesen, die neue, neobiedermeierliche Sehnsucht nach dem Landleben aufs Korn zu nehmen. So leidet ein weiterer junger, intelligenter Mensch an der Gemeinheit der Zurückgebliebenen.
Aber Jungmaier schafft darüber hinaus Bilder, die man sich nicht nur gut vorstellen kann, weil man die Gegend zu kennen meint, sondern weil sie ihr Handwerk beherrscht. Etwa hier: "Nach Staub roch es bei ihr, nach Kuchen und altem Fett." Oder beim gemeinsamen Fernsehen: "Wenn sie Marika Rökk in der Csardasfürstin sah, glänzten ihre Augen, wie bei allem Vergangenen, das deutsch war und heil."  

Marianne Jungmaier: Das Tortenprotokoll. Roman. Kremayr & Scheriau

Mittwoch, 11. November 2015

Bea Dieker: Vaterhaus

Immobilien des Bösen

Das Wirtschaftswunder lässt nicht nur die Nachkriegskörper zu dick für die filigranen Möbel werden, sondern auch die Häuser wuchern: Metastasierend wächst das Elternhaus, weil das Geschäft läuft und der Wohlstand durch sinnloses Anschaffen ausgestellt gehört. Diekers erinnerte Führung durch die kleinbürgerliche Innenarchitektur zeigt Abgründe, etwa die cholerische Gewalt des Vaters, die Schwäche der Mutter, das Eingesperrtwerden in der Besenkammer. Richtig Einparken erzeugt „Schmalspurstolz“, und ach, die Fixierung der deutschen Seele auf das Auto: Wie ein treuer Hund verreckt der BMW Tage nach dem Tod seines Besitzers.
Die Immobilien der Vorfahren spielen in der aktuellen Literatur eine gewichtige Rolle. Daran knüpft sich die Ratlosigkeit, was mit diesen Häusern anzufangen sei, und wohin die Dinge verschwinden. Dieker führt in ihrem ersten Roman den neophilen Konsumterror der Boom-Jahre vor. Man hat und zeigt, auch den neuen Zeitdruck. „Stress kam in Mode.“ Vor lauter Heimeligkeit wird es immer unbehaglicher im Haus.
Die ich-armen Sätze sind kurz, oft nur ein Wort (und das kennt man nicht: Keder, Rüster, Dralon), um die verstümmelte Sprache zu spiegeln. So wie der Großvater „unsere STUKAS leisten ganze Arbeit … Zigeuner. Charkov“ unter seine Nazi-Fotos schrieb, als „spärlichstes Erzählen“. So wie der Vater, der „Explosionsautomat“, in gewaltsamen Halbsätzen Ruhe herbeibrüllt. So wie der Text quantitativ kaum ein Roman ist. Qualitativ sehr wohl.

Bea Dieker: Vaterhaus. Roman. Jung und Jung, 112 S., 16,90 Euro

Mittwoch, 28. Oktober 2015

Margit Schreiner: Das menschliche Gleichgewicht

Die heikle Balance zwischen Urlaub und Tragik

Die österreichische Herbstliteratur erzählt heuer viel von kroatischen Inseln. Bei Margit Schreiner kann von Urlaubslektüre eher keine Rede sein. Ihr Roman basiert auf einer Kurzgeschichte aus dem Jahr 2013, diese wiederum auf einer wahren Begebenheit: Ein befreundetes Ehepaar, das nach Israel ausgewandert war, wird vom eigenen Sohn ermordet, bevor ihn die Polizei erschießt. Die Erzählerin in “Das menschliche Gleichgewicht” ist eine sechzigjährige Schriftstellerin, halbwegs junggeblieben, aber desillusioniert, was die Zukunft ihrer Karriere angeht. Sie ist auf dem Sprung in den Urlaub, den sie mit dem frisch pensionierten Partner und Freunden auf einer einsamen Insel verbringt. Ihre Hoffnung, zum Schreiben zu kommen, zerschlägt sich, als unerwartet die zwanzigjährige Sarah vor der Tür steht. Eltern und Halbbruder sind tot, vor sieben Monaten hat sich auch ihr Bruder umgebracht. "So einen Menschen schickt man nicht weg". Es kommen also Psychopharmaka ins Gepäck und Sarah mit auf die Insel. Von da an wechselt sich der geradlinige Bericht der Erzählerin mit Auszügen aus Sarahs "Krankentagebuch" ab, das sie in der Jugendpsychiatrie geschrieben hat. Urlaubsfreuden und Traumata: Schreiner zeigt, wie wenig Alltag und Ungeheuerlichkeit trennt.
Seit je her ist ihr Schreiben durch die eigene Biographie bestimmt: "Es hat Zeiten gegeben, da habe ich alle Schriftsteller beneidet, die ihre Existenz hinter Erfundenem verbergen konnten." Im Lauf der Zeit hat sie aber die Fiktionalität der eigenen Existenz erkannt. Erinnerungen sind trügerisch (und das ist gut so), die Biographie eine selbstgetextete Erfindung. Die Tragödie ist so echt wie der Aufenthalt auf der Insel.
Deutlich ist ihr Wille, die Wirklichkeit sprachlich nicht zu entschärfen, also stilistisch trocken zu bleiben. Dabei legt Schreiner ihre Spätsommergeschichte nicht unidyllisch an, die beiden Familien sind einander innig zugetan, man trinkt, lacht, es springt auch der eine oder andere Delfin aus dem Meer. Sie lässt sich sogar zu (gelungenen!) Landschaftsschilderungen hinreißen. Zentrale Einsicht der Erzählerin: "Kein Roman ist es wert, dachte ich beim zweiten Glas Weißwein, ihm etwas Lebendiges zu opfern." Der Roman ist aber definitiv die Zeit wert, die man seiner Lektüre opfert.


Margit Schreiner: Das menschliche Gleichgewicht. Schöffling, 240 S., 20,60 Euro

Montag, 5. Oktober 2015

Austrofred: Pferdeleberkäse

Der Czernin Verlag bietet sich wiederholt mit einem lustig gemischten Programm an: Zuletzt war hier von Lisa Spalt die Rede, im November nehmen wir nun Manfred Rebhandl und den Austrofred unter die Lupe. Erstere schreibt komplexe Prosaminiaturen, die beiden Herren erfreuen – jeder auf seine Weise – mit einer Fusion aus „schön blöd“ und „äußerst gescheit“.
Durch Selbsternennung ist Austrofred tatsächlich zur „Grande Dame der österreichischen Rockkultur“ geworden: „Es gibt Bezirke in Oberösterreich, da habe ich einen höheren Bekanntheitsgrad als Coca-Cola und Fanta zusammen – sprich: Ich bin bekannter als ein Spezi.“ Nun hat er eine Auswahl seiner Essays zusammengestellt und gemäß der Analogie zur Herstellung von Leberkäse auch so benannt. Inhaltlich geht es um nichts weniger als um die Sicherung des Rock-Standortes Österreich (berühmte Musiker hier sterben lassen), Hommagen an große Kollegen (für Otto Wanz zerreißt er das Telefonbuch „Bad Hall und Umgebung“) und immer wieder um die Mühen der Erwerbsarbeit: „Künstler ist eher ein Beruf wie Handtaschlräuber: Einmal erwischst du viel, ein anderes Mal erwischst du wenig.“ Auch über die ganz großen, im Grunde einzigen Themen der Literatur (Liebe und Tod) macht er sich Gedanken: „Ich selber spiele immer sehr, sehr gerne bei Beerdigungen, weil du da immer ein hochkonzentriertes Publikum hast. Während bei einer Erstkommunion das Publikum unter der Bank im Prinzessin-Lillifee-Katalog schmökert“. Der Austrofred – ein großer Philosoph der kleinen Dinge, der Freddy Mercury des Profanen.
Regionalpatrioten dürfen sich zusätzlich daran ergötzen, wie er sich darum bemüht, schöne Wörter wie Klescher, Tschoch, düd, burren oder schwanern fit für den Literaturmarkt zu machen.

Austrofred: Pferdeleberkäse. Aufsätze und Reportagen. Czernin Verlag

Mittwoch, 23. September 2015

John Cleese: Wo war ich noch mal?

Eine fast 500 Seiten feiste Autobiographie, die ihre Verplaudertheit im Titel trägt und erst recht nur bis 1969 reicht: Dear me! Aber wir sprechen von John Cleese. Und es ist nicht nur die globale Zuneigung, die einen bei der Stange hält, das Buch ist tatsächlich lustig. Etwa als er seinen allerersten Hitler-Auftritt beschreibt. Ebenso viel wie über die Person Cleese (er hat etwa seine Unschuld erst mit 25 verloren) ist über die Praxis der Comedy zu erfahren. Nach welch großem Wagnis großer Humor verlangt, beschreibt er in einer Szene mit seiner passiv-aggressiven Mutter. Sie habe „den Kosmos als eine einzige riesige Sprengfalle“ erlebt, und als sie ihm einmal minutiös schildert, warum sie des Lebens überdrüssig sei, bietet er ihr an, einen Killer zu engagieren. „Oh Gott, ich bin zu weit gegangen‘, dachte ich. Und dann fing sie laut gackernd an zu lachen. Ich glaube, ich habe sie nie so sehr geliebt wie in diesem Moment.“ Seine Autobiographie ist auch nirgendwo schöner. Und sie wartet mit einem echten Happy End auf: 1969 gründet Cleese gemeinsam mit fünf Kollegen „Monty Python“.

John Cleese: Wo war ich noch mal? Autobiographie. Blessing, 480 S., 23,70 Euro

Mittwoch, 16. September 2015

Manfred Rebhandl: Töpfern auf Kreta

Was hat man von einem Krimi zu halten, der damit beginnt, dass der „Held“ Rock unter dem Rock einer „Zigeunerin“ aus dem Trinkkoma erwacht?! Was ist das für ein perfides und zynisches Machwerk, das Rebhandl da vorlegt! Dazu auch noch strategisch patschert: Der in Wien lebende Autor verunglimpft in der Figur der dicken Buchhändlerin genau jene Branche, auf die er angewiesen ist. Oder hofft er gar, dass seine Trashwerke nur noch in schmuddeligen Online-Shops gehandelt werden? Dort, wohin sich zu seinem Bedauern die Pornoindustrie hinverzogen hat? Zu allem Überdruss spottet er den Gesetzen der Physik, wie soll sich eine fette Frau so bewegen, als stünde sie auf trippelnden Mäusen? Wir schweigen aus Dezenz über die ungeheuerlichen Entgleisungen gegenüber Leistungsträgern der Gesellschaft, aber auch ausländischen Mitbürgern. Am allerschlimmsten: Kann sich Rock Rockenschaub bitte nicht endlich einmal duschen?! Seinen Gestank als Leitmotiv zu verwenden ist schon sehr anrüchig. Über die Handlung breiten wir den Mantel des Schweigens, denn greifen Sie einmal einem nackten Mann in die Tasche.
Man fragt sich schon, warum jetzt schon die vierte(!) Rezension dieser billigen Trashtextualität im Falter erscheint. Und antwortet: Das war ein Scherz! Wir lieben unsere Trashmaus aus Windischgarsten! Tatsächlich hat er nach eigenem Bekunden das „ großartigste Töpfern-Buch aller Zeiten“ geschrieben, obwohl dessen Rolle nicht mehr sehr viel kleiner hätte ausfallen können. Dazu ist sehr viel Lehrreiches zu Yoga und Smoothiekonsum zu lesen. Aber es stimmt auch alles, was im ersten Teil dieser Besprechung zu lesen war.

Manfred Rebhandl: Töpfern auf Kreta. Czernin Verlag

Freitag, 4. September 2015

Viel Wind um die Liebe: Ruth Cerha, "Bora"

 In "Bora" mach sich Ruth Cerha um den kroatischen Tourismus verdient

"Liebe und Endlichkeit, die zwei großen Themen, da kann sich keiner entziehen", heißt es in "Bora". Alles dazwischen ist ja Mumpitz, und Gefühle sind wichtig, auch wenn's die falschen sind. Der Klappentext raunt von großer Liebe und Magie – und gut, dass zum Zeitpunkt der Lektüre grad Sommer und Urlaub ist, da hat man Zeit für die Romantik. Auf die muss man in der "Geschichte vom Wind" eine Weile warten.
Schauplatz ist die Insel Susak nahe Lošinj, quasi im Lee des großen Urlauberansturms. Die Wienerin Mara verbringt als Edeltouristin ihre Sommer hier und hat sich soeben von ihrem Freund getrennt. Sie ist Schriftstellerin (Obacht, Metaebene!) und hat fast naturgemäß eine Schreibhemmung; ihr Leiden daran beschreibt sie als das Gefühl, es säße in ihrem Inneren ein strenges "kleines Mädchen im Faltenrock". Ihre Geschichtenlosigkeit bessert sich nicht, als sie eines Morgens des unsteten Fotoreporters Andrej ansichtig wird und sich unverzüglich ihn in verknallt, als sei sie nicht vierzig, sondern vierzehn. Unruhig wie eine Blume im Wind (Leitmotiv!) wird Mara vom Gefühlsüberschuss auf der Insel herumgetrieben, sie muss sich von ihren verständnsivollen Inselfreunden trösten lassen, ohne dass wir wüssten, weswegen. "Haben sie jetzt schon gebudert?", fragt der Strandnachbar, der seit 70 Seiten die Rezensentin ächzen hört. "Nein, sie ist noch nicht bereit für eine neue Beziehung!" Dann klappt's endlich mit dem feschen Kroato-Amerikaner, die Schriftstellerin fühlt "ein paar große Kirchenglocken, die direkt in meinem Brustkorb läuteten." "Wenn ich verliebt bin, werde ich pathetisch, das stört mich daran." So liest sich das stellenweise auch. Die Liebe ist ein seltsames Spiel, sie kommt und weht von einem zum andern. So wechseln auch die Perspektiven, aus denen die Geschichte erzählt wird. Weil es keine Liebe ohne Drama gibt, beginnt das freiheitsliebende Paar relativ bald mit neurotischen Zänkereien. Nur wissen wir hier auch nicht genau, ob der Zwist andere als dramaturgische Gründe hat. Zumindest löst er die Schreibblockade.
Schreiben kann Cerha sehr wohl, ein strengeres Lektorat hätte ihr aber vielleicht die obgenannten Glocken in der Brust ausgeredet, oder Sätze wie "Wenn ich etwas unbedingt möchte, beachte ich meine Achselhöhlen aber nicht. "Bora" ist ein etwas geschwätziges Buch, Cerha erklärt viel, in langen, adjektivstarken Parataxen erzählt sie zugleich vom Moment der Verliebung und von der fehlenden Mülltrennung, vom haubitzenvollen Besoffensein und schlampiger Geschützwartung. Die Dialoge dienen allzu oft als Informationsvehikel. Neben der klassischen Liebesgeschichte geht es um die Geschichte der Insel unter besonderer Berücksichtigung der Emigration nach Hoboken, New Jersey, und unter noch engerer Berücksichtigung der Familiengeschichte Andrejs. Dazu kommen Berichte aus Maras Schreibpraxis, über die Entauratisierung der Fotografie in Zeiten der digitalen Reproduzierbarkeit sowie istrische Kulinarik. Die windische Dialektik von Bora (kalter Fallwind) und Jugo (Südwind) nicht zu vergessen. Das ist alles interessant, die Handlung leidet aber.
Ganz billig gibt es Cerha freilich nicht, etwa als Mara ihrer Doch-Nicht-Schwiegermutter erklären will, dass sie sich zwar ihrer Familiengeschichte bediene, aber literarisch eh verfremdet, und diese auf gut New Jersisch grantelt, "I am not a jerk, I know what a novel is." Schön auch die Idee mit dem "Amt zur Prüfung der Daseinsberechtigung", das ideenlose Literaten molestiert. Und obwohl "Bora" sich als Urlaubslektüre etwas zu deutlich aufdrängt, ertappt man sich sehr wohl beim Wunsch, nächsten Sommer wieder einmal nach Kroatien zu fahren. Weil: Pittoreskes Inselleben! Die köstliche Seezunge, der feurige Schnaps, die warmherzigen Leute! Wäre man Leiterin des Kvarner Tourismusbüros, man wollte Cerha einen ganz lieben Brief schreiben.


Ruth Cerha: Bora. Eine Geschichte vom Wind. Frankfurter Verlags-Anstalt, 288 S., 20,50 Euro

Donnerstag, 6. August 2015

Lisa Spalt: Ameisendelirium

Gedanken, „als die du ein paar müde Vögel sich im Staub baden siehst“? Was für ein Bild! Oder das Paradoxon: „Dein individueller Wille ist der, im Willen der Allgemeinheit aufzugehen.“ In ihren 37 Texten, kaum einer länger als zwei, drei Seiten, beginnt Spalt oft beim Alltäglichen, etwa im Arbeitsamt oder bei der Lust auf eine Leberkäsesemmel, um dann das Niveau an den Plafond zu fahren. Einmal nicht aufgepasst, schütteln sie die unaufmerksame Leserin sofort ab. Aber daran ist nichts Falsches, man lese eben achtsam! Teil der Komplexität ist nicht nur die inhaltliche Dichte, sondern die grammatikalische Ausführung: Wie Ameisen im Bau wuseln die Satzteile, ein jedes wichtig, aber ohne auf den allerersten Blick erkennbare Hierarchie. Wer dran bleibt, folgt Spalt ins Zwischenreich von Natur und Kultur, Partikel und Masse, Geisteswissenschaft und Hoch-, Tief- oder Gabelstapeln. Im Idealfall erschließt sich ihr hintergründiger Witz, wie im Exegese-Exkurs zur erwähnten Leberkäsesemmel, die ja als ungesund sei. „Einspruch: Die Natur hat die Länge des Lebens so geplant, dass du Kinder großziehen kannst und nicht mehr.“ Gesunde Ernährung sei deswegen eine künstliche Verlängerung der Existenz.
Der Czernin Verlag hat sich erneut um anspruchsvolle Literatur jenseits gängiger Schubladen verdient gemacht. Die skurrilen und schönen Illustrationen der Autorin machen die Sache komplett.

Lisa Spalt: Ameisendelirium. Czernin Verlag

Dienstag, 4. August 2015

Walter Kohl: Ein Bild von Hilda als toter Mensch

Der plötzliche Tod seiner Mutter holt den Schriftsteller Charly von den Füßen. Er fotografiert sie zunächst ohne Hintergedanken, um sich später an diesem Bild abzuarbeiten. Mit einem Mal findet sich die Leserin in einem Gespräch zwischen ihm und einem Therapeuten wieder. Ist der Text ein Stück Trauerarbeit, obwohl das „ebenso wenig bewirkt wie das Trauern eines Bäckers durch Brotbacken“? Der Erzähler erweist sich als unzuverlässlich, wie das Erzählen an sich. Ist die ganze Familiengeschichte nur gelogen? Sie führt zurück in die herbe Jugend, in eine Aulandschaft, die heute im Staubereich verschwunden ist. Kohl/Charly sind nicht willens, dem Dorfleben eine falsche Idyllik abzugewinnen, nur weil jetzt alle das Landleben so schön finden. Seit die Welt ein Dorf ist, gibt es das Dorf nicht mehr. So wie die Mutter zu verschwinden droht, denkt Charly, wenn er sich kein eigenes Bild von ihr macht; von einem „kleinen“, nicht ganz siebzigjährigem Frauenleben, das in mittelalterlicher Armut begann und in der Gegenwart verlischt.
Nach „Spuren in der Haut“, in dem Kohl über das Leben seines Vaters geschrieben hatte, wendet er sich – wieder ganz nahe an seiner eigenen Biographie – der Mutter zu. Der Roman ist mehr als eine Familiengeschichte; er fußt in der Gegenwart und ist doch archaisch in seinem Kreisen um die großen Themen. Das „Bild von Hilda als toter Mensch“ ist nicht nur die Klage des verlassenen Sohnes, sondern eine Annährung an ein Leben, das „das Eigentliche versäumt hat.“ Beim Begräbnis kommt die Wut: „Wer seid ihr, dass ihr diese harmlose, sich bis zur Selbstaufgabe immer und überall in den Hintergrund zurücknehmende Frau eine Sünderin nennt!, hatte es getobt in Charly.“
Kohl blutet beim Schreiben. Ein weiterer großer Text.


Walter Kohl: Bild von Hilda als toter Mensch. Picus Verlag

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Nadine Kegele: Bei Schlechtwetter bleiben die Eidechsen zu Hause

Frausein ist immer noch nicht lustig

Nadine Kegele versöhnt Poesie und Politik

Einen gesunden Hund einschläfern lassen, nur weil er blad ist? Nadine Kegele wagt sich in ihrem Romandebüt gleich zu Beginn auf gefährliches Terrain: Bei der Liebe zum Haustier versteht der Österreicher an sich wenig Spaß.
Nora (wir dürfen ein bisschen an Ibsen denken) hat ihren Arbeitsplatz in der Mahnabteilung eines Energiekonzerns verloren und sieht sich mit Anfang 30 bei jedem neuen Arbeitgeber unter "Generalverdacht" in Sachen Schwangerschaft. Sie müht sich mit der Abendschule herum und findet sich nur unter innerem Protest mit der schönen Ex und der Tochter ihres Freundes Anton ab. Noras einst überforderte, alleinerziehende Mutter (die "keine Begabung für Familie" hat) liegt im Koma – es ist deren Hund, den sie töten hat lassen, aus Mitleid, denn einen dicken Spaniel wolle doch niemand adoptieren, das sei ja wie bei den dicken Kindern.
Überhaupt ist die Rolle der Tiere (Katzen, Hunde, Blutegel, Hamster, Ameisen) bedeutsam. Nora beneidet sie um das Fehlen innerer Erschütterung. "Diese Tiere leben nicht zum Spaß und dennoch sehen sie nicht unglücklich aus." Sie mag die titelgebenden Eidechsen ihrer Sollbruchstelle wegen, an der sie ihren Schwanz abwerfen können; am liebsten wäre es ihr, gleich gar kein zentrales Nervensystem zu haben. Und: "Haustiere sind gut gegen einsam". Sie dienen als Methadon beim Sozialentzug. Als es Nora den Einsiedlerkrebsen gleichtut und ihre Wohnung nicht mehr verlässt, reicht ihr der illegal einbehaltene Gastkater Juri als Gesellschaft.
Protagonisten, die sich vor der krisenhaften Gegenwart und deren Ansprüchen eremitisch zurückziehen, das ist als Thema derzeit nichts ganz Neues. Wie Kegele das in lakonischer, bildstarker Sprache einlöst, ist lesenswert. Ihr Text umfasst auf zwei Zeitebenen die Biographien von Mutter und Tochter (wobei das alles nicht so einfach ist). Dazu kommen, sparsam und eindrücklich erzählt, Lebensgeschichten wie etwa jene der alten Nachbarin Sarah Tänzer, die ihre Tochter im Holocaust verloren hat. Aber, so wird sich Nora eingestehen, das eigene Unglück ist immer das größte. Und Selbstmitleid ist hart erarbeitet.
Abgesehen von Anton, der Noras mangelnde Nähe beklagt, sind männliche Sympathieträger rar. Klar, es geht Kegele um Feminismus. Es war früher nicht besonders lustig, eine Frau zu sein, recht viel schöner ist's aber heute auch nicht. "Du wirst schon sehen, die Natur holt die Frauen bei den Kindern ein", heißt es, und "so ein Körper tut mit der Frau ja, was er will". Es ist ein großes Hinnehmen von Kindern, Männern, Arbeitgebern.
Nora hat einen früheren Partner mit Kinderpornos erwischt und beginnt eine Therapie bei der "Kaiserin" die sie fortan als innere Stimme der Vernunft begleitet. Wie schon ihre Mutter hat Nora keine besondere Begabung für Beziehungen; immerhin gelingt es ihr schon viel eher, nicht in eine Opferrolle zu geraten. Und bei allen Reibungen mit ihren Bobo-Freundinnen bleibt am Ende immerhin die Freundschaft.
Arbeitswelten, Patchwork, in der Retorte gezeugte "Halbwesen" (böse Frau Lewitscharoff!), ein "Nekrophilenkonglomerat": Kegele ist thematisch nahe an der Gegenwart. Die Figuren sind glaubwürdig, deren Handlungen plausibel. Sie beherrscht den Einsatz von Leerstellen. Immer wieder ragen Sätzen oder bewusste Tippfehler ("Furchtsaft") aus dem Erzählfluss.
Die in Wien lebende Vorarlbergerin hat sich zuletzt im Literaturbetrieb etabliert, sein Produkt ist sie nicht. So viel zur Debatte, ob denn heute die Literatur nur noch von Ärztekindern geschrieben werde. Autorin wurde Kegele auf dem zweiten Bildungsweg. Da sie seit ihrem 16. Lebensjahr arbeitet, weiß sie Bescheid, wenn sie über Lohnarbeit schreibt. Deswegen sind ihre Texte dem Engagement ebenso verpflichtet wie der Poesie. Hier schreibt eine, die der eigenen Stimme selbst Raum schaffen musste. Sie löst damit die Erwartungen ein, die sie im Vorjahr mit dem Publikumspreis beim Bachmann-Wettbewerb geweckt hat. Apropos Erwartungen: "Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hause" ist der Beginn einer Trilogie.
Blaustrümpfig wird Kegeles literarischer Feminismus nie, in den Tagebucheinträgen, in denen Nora ihren Rückzug dokumentiert, ist der Text fast schon komisch. Ihr schönster Gedanke kommt Nora, als sie auf dem Spielplatz zornig streitende Kinder beobachtet und sich wünscht, dass Erwachsene es wagen würden, im Arbeitsamt oder bei Bewerbungsgesprächen auch so in Rage zu geraten.


Nadine Kegele: Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hause. Czernin, 320 S., 23 Euro

Maria Matios: Mitternachtsblüte

Gegen das Böse ist kein Kraut gewachsen

Maria Matios erzählt vom Ende der Multikulturalität in der Bukowina
Tscheremoschne, ein Dorf im Grenzwald zwischen der Ukraine und Rumänien ist kein guter Ort für jugendliche Sonderlinge, schon gar nicht 1940. Die Bukowina, seit je her Spielball der Mächte, dient Matios erneut als Schauplatz eines ihrer Romane. Sie selbst wurde 1959 im einst ethnisch bunten "Buchenland" geboren, das bis 1918 Teil der Habsburgermonarchie war. Der Zweite Weltkrieg kam über die Bukowina wie eine Naturgewalt, sie geriet wiederholt zwischen die Fronten, wurde zu dem, was Timothy Snyder "Bloodlands" und Martin Pollack "kontaminierte Landschaft" nennt: Zuerst wird sie durch die Rote Armee annektiert, die vermeintliche Konterrevolutionäre zu Tausenden nach Zentralasien deportiert. Im Juni 1941 fällt die deutsche Wehrmacht ein und beginnt sofort mit dem Holocaust.
Davon erzählt Matios in der "Mitternachtsblüte"; wie in ihrem letzten Roman "Darina, die Süße" aus Frauenperspektive, von einer Randfigur, die an einer stigmatisierenden Krankheit leidet: Das wunderliche Kind Iwanka hat Epilepsie. Fast ein Viertel des Buches nimmt sich Matios Zeit, das dörfliche Leben zu beschreiben, beinahe eine Idylle – wenn auch mit prügelndem Vater und bäuerlicher Subsistenzwirtschaft: eine noch nicht elektrifizierte Welt, in der man um den toten Vater weint, aber nicht um den Säugling, weil die Mutter ohnehin jedes Jahr schwanger ist. In der Mädchen mit 14 verheiratet werden: "Ein Mädel soll lange Hahre haben, doch einen kurzen Verstand." Das kennt man aus der heimischen Anti-Heimatliteratur, nicht aber das Zusammenleben von Ruthenen, Rumänen, Polen, Deutschen, Huzulen, Bojken und Lemken. Die jüdischen Nachbarn sollen zwar die Kirche nicht betreten, aber man heizt ihnen bereitwillig am Sabbat den Ofen an. Man weiß, dass es ihnen seit jeher als erste an den Kragen geht, doch herrscht eine gewisse Indolenz, "das geht uns nichts an."
Matios' Sprache ist einfach, ihre Klarheit lässt erkennen, wovon zu erzählen ist. Die Dialoge haben zuweilen eine stifterartige Förmlichkeit. Die volkstümliche Gläubigkeit des Kindes sowie das Unverständnis von Eltern und Dorfgemeinschaft beschreibt Matios mehr als genau. Iwanka schneidet sich nach falsch verstandenem Brauchtum in die Hand, weder Hexe noch Heiler können ihren Arm retten, am Ende muss der jüdische Wanderdoktor die Blutvergiftung stoppen. Sie will Hagel mit blankem Hintern vertreiben, eine unliebsame Schwägerin mittels der getrockneten Speiseröhre eines Wolfes verfluchen, die überall lauernden Teufel mit Kräutern bannen. Die Leserin weiß schon: Das große Unheil kommt erst, und kein Zauber wird es aufhalten. "Das Paradies ist im Himmel, hat die Großmutter gesagt, und die Hölle ist auf Erden."
Die Enge des Dorfes, die archaische Schicksalergebenheit, die gewachsenen ethnischen Ressentiments sind nichts im Vergleich zur modernen, maschinellen Gewalt, die nun über Tscheremoschne hereinbricht. Matios schildert eine Landschaft, die ihre Unschuld verliert. Das zeichnet sich ab, als der galizische Schmuggler Petro erzählt, die Polen seien vor den Deutschen gefallen "wie eine angesägte Föhre, ... die Menschen und Länder werden aussortiert wie Nüsse". Kurz darauf beginnen die Sowjets, die Dorfgemeinschaft auseinanderzureißen, das wahre Morden passiert unter den Deutschen. Mitten drin Iwanka, deren kindlicher Aberglaube sich in ungläubiges Entsetzen über die Gräueltaten verwandelt. Das Ende der Bukowina ist bekannt, jenes des Romans lässt zumindest eine kleine, individuelle Hoffnung.
Matios geht es um "Wahrheit, Reue und Vergebung". Sie fiel unter dem Oligarchen Janukowitsch in Ungnade und und kandidierte nach dessen Sturz erfolgreich für das ukrainische Parlament. Nicht zuletzt deswegen ist sie eine der bekanntesten Schriftstellerinnen des Landes, die auch ins Chinesische und Japanische übersetzt wurde. Bei der "Mitternachtsblüte" übernahm dies Maria Weissenböck (verdienstvoll, bis auf "die Großmutter lernte ihr"). Das in der "Mitternachtsblüte" oft wiederholte Motiv der streitenden Brüder illustriert wohl auch den aktuellen Krieg zwischen Russland und der Ukraine.


Maria Matios: Mitternachtsblüte. Haymon, 224 S., 19,90 Euro. Aus dem Ukrainischen von Maria Weissenböck

Sonntag, 3. März 2013

René Freund: Liebe unter Fischen

Gruppensex, Jodeln und scheußliche Haikus

René Freund versöhnt in einer launigen Liebesgeschichte Stadt und Land

Fisch an sich gilt nicht als Aphrodisiakum, im Gegenteil, der Gedanke an ihn dient eher der Entschleunigung. Das Hinauszögern wiederum nützt auch der literarischen Liebesbewältigung. So müssen die vier Protagonisten von "Liebe unter Fischen" das übliche Wirrwarr hinter sich bringen, bevor sie einander an der Angel und in der Mangel haben. Ein Zusatznutzen der Fische: Sie lassen sich metaphorisch anreichern. In diesem Sinn führt die Fischforscherin Mara den auf Spezialsommerfrische weilenden Lyriker Alfred Firneis in das verwunderliche Paarungsverhalten der Elritze ein. Der muntere Phoxinus phoxinus (was passend mit "spitz" zu übersetzen ist) kann nur im Rudel; sind zu wenige Geschlechtspartner im Teich, kommt er nicht in Stimmung. Dafür lässt er sich gut konditionieren. Firneis zieht dabei eine Analogie zur digitalen Schwarmdemenz des Menschen, erkennt aber nicht, dass er selbst gerade von seinem Love-Interest behavioristisch konditioniert wird.
Deuticke wirbt emsig für René Freunds "Liebe unter Fischen", nicht von ungefähr mit dem Verweis auf den Smash-Hit "Gut gegen Nordwind". Der leichtfüßige Witz ohne Anspruch auf literarische Avantgarde, die flott-ironische Erzählweise machen auch diesen Text über weite Strecken unterhaltsam und mehrheitstauglich.
Zum Plot: Firneis hat mit Lyrik – jetzt wird's kurz bizarr! – mehr als 150.000 Bücher verkauft. Jetzt ist er ausgebrannt und ekelt sich vor dem Literaturbetrieb. Also müllt er seine Berliner Wohnung zu, missbraucht legale Drogen und stilisiert sich zum Digitalisierungsverlierer. Das klingt nach Klischee und wird auch so gekennzeichnet. Das Heilsgeschehen beginnt mit dem Auftritt der Verlegerin, die sich durch ihren wirtschaftlichen Optimismus in eine Malaise gebracht hat. Ihre Cashcow Firneis soll den Verlag retten und muss davor selbst gerettet werden. Er lässt sich überreden, in einer Seehütte an der verregneten Alpennordseite in Klausur zu gehen. Im Elbtal wird er, der selbst Österreicher ist, wie ein Fremder empfangen, sehr bald dann doch mit knorriger Herzlichkeit aufgenommen. Die Zimmerlinde Firneis findet in der Figur des urwüchsigen Jungförsters August einen Gegenspieler, der Marihuana anbaut und nicht ganz auf der Nudelsuppe dahergeschwommen ist.
Firneis' Menschwerdung geht schnell vonstatten, er entdeckt die kathartischen Freuden des Selberputzens, geht mit August in die Berge und erlernt das textlose Singen. Das alles teilt er der Verlegerin mit wachsender Euphorie mit. "Sex muss schon sehr gut sein, um mit Jodeln mithalten zu können." Bevor der Briefwechsel zu einem analogen "Gut gegen Nordwind" ausarten kann, taucht Mara in seinem See auf, die Limnologin ("Limbologin?") mit slowakischem Akzent.
Die Liebe in ironischen Zeiten ist naturgemäß kompliziert und von Neurosen überwuchert, bei ihrer Schilderung drohen Pathos und Banalität. Freund löst die Aufgabe schlau durch Selbstreferenz (schreiben über das Schreiben) und indem er die Verlegerin über Firneis' literarische Entgleisungen zetern lässt: Als er etwa einen Haiku schickt ("Ein Wasserspiegel./Tropfenspiele./Regen, Regen fällt.") und der Leser sich schon windet, wird sie streng: "Bitte schicken Sie mir keine Haikus mehr. Bitte schreiben Sie keine Haikus mehr. Ich hasse Haikus." Und: "Bitte schreiben Sie auch keine Jodler. Ich kann nicht einschätzen, wie der internationale Markt darauf reagieren würde."
Freund bedient sich des beliebten Topos Stadt vs. Provinz, dabei gibt er es nicht zu billig; Jodelverklärung und Hipster-Landliebe halten sich in Grenzen. Man könnte an Vea Kaisers neuen Heimatroman "Blasmusikpop" denken, muss aber nicht. Freund geht es entspannter und weniger fabulierlustig an. Mit Leichtigkeit erzählt, selbstironisch und ohne große Spielereien. Da dürfte für jeden etwas dabei sein. Der Verlag ist zwar auf eine Rettung nicht angewiesen, das Bestseller-Konzept könnte aber aufgehen.


René Freund: Liebe unter Fischen. Deuticke, 208 S., € 17,90